Das war die gamescom 2010

Nachdem der erste Messetag ausschließlich für Presse und Fachbesucher geöffnet war, durften sich ab Donnerstag auch Spielefans und Cosplayer ins Getümmel stürzen. In vier Hallen gaben sich EA, Blizzard, Square Enix, Konami, u.v.m. die Ehre und präsentierten neben den obligatorischen Messe-Babes natürlich auch die Spiele, die uns im Laufe der nächsten Monate erreichen werden.

Nach einer abenteuerlichen wie unbequemen Anreise und der ersten gemütlichen Runde durch die Messehallen, kehren wir als Erstes am Microsoft Stand ein. Dort können wir uns aus erster Hand über die Multiplayer-Qualitäten von Lara Croft and the Guardian of Light für Xbox Live Arcade überzeugen, das es mittlerweile ja auch auf den Marketplace geschafft hat. Gleich nebenan lädt Sonic The Hedgehog 4 zum Probespielen ein. Es hat zwar lange gedauert, aber Segas Altmaskottchen hat endlich wieder zu seiner früheren Form zurück gefunden. Die Mischung aus HD-Grafik und Retro-Gameplay kann voll und ganz überzeugen und entschädigt für die spielerischen 3D-Verbrechen der letzten Jahre.

Nach einem kurzen Blick auf Halo Reach und Fable III zieht es uns zur Bühne, auf der niemand geringerer als Chefentwickler Kudo Tsunoda sichtlich stolz Kinect präsentiert. Gemeinsam mit Leuten aus dem Publikum werden Kinect Adventures und Kinect Sports gespielt, bevor Kudo uns noch einen Blick auf Joyride und Kinectimals gönnt. Zum Abschied werden noch ein paar Plüsch-Kinectimals verteilt, die sich mit dem Kinect-Sensor scannen und so ins Spiel übertragen lassen.

Da wir eine Proberunde mit Harmonix’ Dance Central verweigern, bekommen wir die Chance, uns mit Kinect Sports selbst ein Bild von den Fähigkeiten von Microsofts Controller-losen Bewegungssteuerung zu machen. Während wir uns mit virtuellem Fußball, Speerwerfen und Bowling vor Publikum zum Affen machen, beantwortet ein Mitarbeiter unsere Fragen (Entfernung zum Bildschirm, Kompatibilität mit Xbox Live Vision-Spielen, Spielen im Sitzen, etc).

Da wir uns von Kinect im Vorfeld absolut nichts erwartet haben, sind wir von unserem abschließenden Fazit selbst etwas überrascht: Kinect macht Spaß, funktioniert beängstigend gut und bietet ein völlig anderes Spielerlebnis, als wir es bisher von Nintendos Wii kannten. Das einzige Problem ist der Mangel an hochkarätigen Spielen. Zum Launch im November werden wohl hauptsächlich Spiele erscheinen, die wir in ähnlicher Form schon von Wii und EyeToy kennen. Ein richtiger System-Seller fehlt zum jetzigen Zeitpunkt. Wir hoffen, dass sich Kinect trotzdem durchsetzen kann, denn in dieser Technik steckt noch viel Potenzial!

Gut gelaunt geht es weiter zum Nintendo-Stand, auf dem unsere Begeisterung allerding gleich einen Dämpfer verpasst bekommt. Der 3DS wird nicht auf der Messe gezeigt. Stattdessen darf man auf dem DS XL Golden Sun oder Professor Layton spielen. Die auf der E3 vorgestellten Spiele-Highlights werden lediglich am Rande gezeigt. The Legend of Zelda: Skyward Sword ist lediglich auf vier Stationen anspielbar. Dementsprechend groß ist der Andrang: Die Warteschlange geht einmal um den gesamten Stand. Das vielversprechende Kirby’s Epic Yarn wird nur auf der Bühne gezeigt und ist nicht anspielbar. Auch die Tatsache, dass man sich für die Dauer der Messe einen DS leihen kann, mildert unsere Enttäuschung über den mauen Messeauftritt von Big N nicht. Das völlige Fehlen des 3DS zeugt von schlechtem Marketing, da das Key-Feature des Handhelds (der 3D-Effekt) weder auf Fotos noch in Videos dargestellt werden kann. Umso wichtiger wäre es, das Produkt so vielen Menschen wie möglich persönlich zu zeigen.

Weiter geht es zum Sony-Stand, der mit Sitzsäcken und einzelnen Nischen, in denen die Spiele gezeigt werden, zum Verweilen einlädt. Neben dem Dauerbrenner Singstar ist natürlich PlayStation Move am prominentesten vertreten. Also schnappen wir uns einen Satz Move-Controller und spielen TV Superstars an. Die Minispielsammlung entlockt uns keine Begeisterungsstürme und bietet altbekannte Aufgaben: Schüttle den Controller so schnell du kannst; Drehe die Figur in die richtige Richtung indem du den Controller drehst; Zeichne mit dem Controller vorgegebene Symbole nach. All das haben wir schon auf Wii gesehen.
Ein paar Meter weiter bekommen wir ersmals das Nunchuk-Pendant in die Finger. Wir müssen zugeben: der Move-Controller liegt aufgrund seiner Form besser in der Hand, als die Wiimote. Außerdem gehört das lästige Verbindungskabel zwischen den beiden Controllern endlich der Vergangenheit an.
In Der Herr der Ringe: Die Abenteuer von Aragorn treten wir im Zweikampf gegen Sauron’s Mund an. Das Gefühl hier mit Schwert und Schild zu Werke zu gehen, kommt allerdings nicht so recht auf. Der Kampf beschränkt sich auf Dauerblocken, bis ein eingeblendeter Pfeil die Richtung anzeigt in der man jetzt zuschlagen darf. Der freundliche Sony-Mitarbeiter erklärt mir, dabei möglichst weit auszuholen und fest zuzuhauen – mit Controllerschütteln wäre es hier nicht getan. Was sich in der Theorie gut anhört, klappt in der Relität nur in der Hälfte der Fälle. Obwohl ich genau an dem markierten Punkt stehe, scheint das PlayStation Eye den Controller immer wieder zu verlieren. Das Resultat sind falsch interpretierte Bewegungen. Die Schwertsteuerung kann man also knicken. Aber immerhin kann sich man mit dem Analogstick präzise bewegen. Wer allerdings die Design-Entscheidung getroffen hat, Schildstöße mit der Tastenkombination L2+L3 (also die linke Schultertaste und die Button-Funktion des Analogsticks) ausführen zu lassen, gehört an eine Horde Orks verfüttert. Nach kurzer Zeit kommen wir zu einer ernüchternden Erkenntnis: Was uns hier als Wii-Killer verkauft wird, ist unterm Strich eine Aneinanderreihung von glorifizierten Quicktime-Events. Die Zeit, in der man sich nicht über die verhunzte Steuerung ärgert, wünscht man sich einen klassischen Controller. Wir streichen die Segel und überlassen Aragorn seinem Schicksal. Offenbar sind wir mit unserer Meinung nicht die Einzigen. Auch in Gesprächen mit anderen Messebesuchern bestätigt sich unser Ersteindruck. Wir hoffen, dass sich hier bis zum Release noch etwas tut.

Bevor wir den Sony-Stand verlassen, geben wir noch einmal unserem Wunsch nach einem klassischen Controller nach, schnappen uns Sitzsäcke und spielen die HD-Neuauflage der Sly-Raccoon-Trilogie. Diese kann wahlweise auch in 3D gespielt werden – Die passende Brille vorausgesetzt. Auch der erste Blick auf das Spiel zum Film Tron Legacy ist vielversprechend. Da die Demo-Station besetzt ist und man das verschwommene Bild ohne 3D-Brille nicht lange durchhält, ziehen wir weiter. Aber natürlich erst, nachdem wir uns ein Tron-Legacy-Poster mitgenommen haben.

Der Stand von Electronic Arts ist ein echter Blickfang. Neben eine Bühne macht ein schnittiger Sportwagen samt weiblicher Polizei-Bewachung Lust auf eine Runde Need For Speed – Hot Pursuit. Wir haben es gespielt und können es kaum erwarten, bis das Spiel in die Läden kommt. Das neue Hot Pursuit ist pfeilschnell, steuert sich hervorragend und sieht absolut atemberaubend aus.

Gleich neben der Hauptbühne zeigt Bioware (jetzt ja ebenfalls ein Teil der EA-Familie) den potenziellen Rollenspiel-Hammer Dragon Age II. Nach einem stimmigen Render-Trailer durften wir selbst Hand anlegen und mit dem neuen Helden Hawke aus Lothering fliehen. Während die Steuerung auf PC unverändert blieb wurde das Kampfsystem auf Konsole etwas actionreicher gestaltet. Statt nur einen Angriffsbefehl zu erteilen, muss nun jeder Schlag per Knopfdruck ausgeführt werden. Das macht die Kämpfe zwar dynamischer, artet aber in heftiges Button-Mashing aus – was sich irgendwie nicht so recht in das Gesamtbild einfügen will. Apropos Bild: Der neue, minimalistische Grafikstil wirkt auf den ersten Blick sehr karg. Wir sind gespannt, was mit Dragon Age II noch auf uns zukommt, wenn das Spiel im März 2011 erscheint.

Am nächsten Stand, ebenfalls von Bioware, bietet sich uns ein bizarres Bild: Stumtruppen, Kopfgeldjäger und der Imperator höchstpersönlich spielen Star Wars – The Old Republic. Das Online-Rollespiel macht einen hervorragenden Eindruck und könnte ein ernstzunehmender Konkurrent zu World of Warcraft werden. Vor allem das Deckungssystem hat uns gefallen und verleiht den Kämpfen eine taktische Tiefe.

Apropos World of Warcraft: Blizzard gewinnt eindeutig den Preis für die längste Warteschlange der Messe. Der Stand der WoW-Macher war ständig von einer Flut an Fans belagert, die sich für die neue Erweiterung Cataclysm interessierten. Und als ob das nicht genug wäre, konnte man auch Hand an das unlängst veröffentlichte Starcraft II – Wings of Liberty und den kommenden Action-RPG-Kracher Diablo III legen. Wir gaben uns mit den großartigen Render-Trailern zufrieden, die auf großen Monitoren publikumswirksam gezeigt wurden.

Konami hatte abseits von ihrem Hauptstand einen Stand für das sehnlich erwartete Castlevania – Lord of Shadows aufgebaut. Dort konnten wir uns anhand einer 2-Level-Demo selbst einen Eindruck von dem Spiel machen. Das neue Castlevania sieht super aus, hat eine tolle Atmosphäre und steuert sich gut. Allerdings wird man das Gefühl nicht los, einen uninspirierten God-Of-War-Klon zu spielen. Das richtige Belmont-Feeling will sich leider nicht so recht einstellen.

Ubisoft machte Nintendo Konkurrenz, denn die Warteschlange für Assassin’s Creed – Brotherhood stand der von Zelda in nicht nach. Schade, denn wir hätten uns sehr gerne von den Multiplayer-Fähigkeiten des Titels überzeugt.

Sehr viel weniger los war am Stand der dtp Entertainment AG. Dort konnte man das Add-On Phileassons Geheimnis zum DSA-Rollenspiel Drakensang – Am Fluss der Zeit anspielen. Wer das Hauptspiel mochte, kann auch beim Add-On bedenkenlos zuschlagen.
Adventure-Freunde sollten sich Gray Matter von Jane Jansen vormerken. Dieses klassische Point-and-Klick-Adventure bietet durch die Zaubertricks der Heldin eine ganze Reihe interessanter neuer Puzzle-Möglichkeiten.

Spezialcontroller sind spätestens seit Guitar Hero salonfähig geworden. Einen interessanten Ansatz verfolgt bigben mit Cyberbike – Magnetic Edition. Hier steuert man seine Spielfigur in einer Reihe von Minigames mit einem speziellen Ergometer. Wir hatten beim Probespielen richtig Spaß und hatten zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, auf einem Trainingsgerät zu sitzen und ein Workout zu absolvieren.

Mindestens so unterhaltsam wie das Anspielen diverser Titel war das beobachten der Marktschreier Anheizer und Moderatoren, die großzügig T-Shirt, Sandalen und anderen Schnick-Schnack in die gröhlende Menge warfen. Auch die beiden Ausstellungen zum Thema “Retro-Konsolen” und “Game Art” konnten sich sehen lassen. Hier konnte man sich z.B. die gefloppte Apple-Konsole Pippin mal persönlich anschauen, spielbezogene Gemälde bewundern, oder klassische Computer und Konsolen anspielen.
Wer sich vor dem Trubel in die Gänge oder den Außenbereich zurückzog hatte inzwischen die Gelegenheit, sich mit den zahlreich vertretenen Cosplayern fotografieren zu lassen. Es ist wirklich erstaunlich, wie viel Liebe zum Detail manche in ihre Kostüme gesteckt haben.

Bleibt die Frage: Lohnt sich ein Besuch auf der Gamescom? Wir sagen: Ja!

Wer sich für das Thema Videospiele begeistert und auch mal Messeluft schnuppern möchte, sollte sich schon mal den 17. – 21. August 2011 vormerken. Denn auch nächstes Jahr gibt es wieder eine Gamescom in Köln.