Das war die gamescom 2011

“Warum gamescom?”

Während ich in meinem schäbigen, überteuerten Hotelzimmer sitze und darüber nachdenke, ob ich meine schmerzenden Füße lieber unter kaltes oder heißes Wasser halten soll, geht mir diese Frage immer wieder durch den Kopf: „Warum gamescom?“. Ich erinnere mich vage, dass ich letztes Jahr nach einer elfstündigen Zugfahrt die gleichen Überlegungen angestellt habe. Was treibt mich also nun bereits zum zweiten Mal nach Köln, um mich gemeinsam mit zehntausenden anderen Spielebegeisterten durch weitläufige Messehallen zu drängeln? Nun, am besten fange ich ganz am Anfang an…

Müsste man die gamescom 2011 unter ein Motto stellen, würde es vermutlich „Größer, besser, schöner!“ lauten. Der Veranstalter hatte sich zu Beginn der Messe ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: 250.000 Besucher wolle man dieses Jahr auf die größte Spielemesse Europas locken. Dazu hatte man auch die Ausstellungsfläche für Otto Normalspieler auf 4 ½ Hallen aufgestockt – zusätzlich zu dem 2 Hallen umfassenden Business-Bereich. Das dieses Besucherziel durchaus realistisch angesetzt war, wurde mir spätestens bewusst, als wir uns am ersten Publikums-Messetag in einer Menschenmenge vor dem Haupteingang der Kölner Messe wiederfanden. Dieser Eindruck setzte sich auch auf dem ersten Streifzug durch die Messehallen fort: Die Besucherzahl hatte im Vergleich zum letzten Jahr deutlich zugelegt. Sehr positiv fiel uns dabei der wesentlich höhere Anteil an weiblichen Messebesuchern auf. Lockt die gamescom endlich auch die weiblichen Otakus aus den Spielezimmern, oder handelt es sich hierbei um die von Marketing-Experten vielzitierte „erweiterte Zielgruppe“? Wie auch immer: Wir hoffen sehr, dass sich dieser Trend auch in Zukunft weiter fortsetzt!

Unser erstes Probespiel absolvieren wir bei EA, deren Stand wie schon im letzten Jahr den kompletten hinteren Teil von Halle 6 einnimmt. Need For Speed: The Run verspricht Gumball-Feeling bei einer Hatz quer durch die USA. Wir nehmen uns die Version für Nintendos 3DS zur Brust und sind gelinde gesagt enttäuscht. Die Handheld-Version sieht sehr bieder aus und der 3D-Effekt ist eher störend denn nützlich. Dann doch lieber die Version für die „großen“ Konsolen, die technisch auf gleichem Level wie das letzte „Hot Pursuit“ zu sein scheint.

Natürlich gibt es am Need For Speed-Stand neben feschen Messedamen auch ein paar echte Boliden zu sehen. Lamborghini, Porsche & Co. lassen den Gasfuß zucken und zaubern ein verträumtes Lächeln auf das Gesicht von Autoliebhabern. Die kommen dieses Jahr sogar übermäßig oft auf ihre Kosten, denn scheinbar gilt: Jeder, der etwas auf sich hält hat mindestens ein Fahrzeug am Stand geparkt. Zwischen Gran-Turismo-Flitzern, Green Hornet’s Superauto „Black Beauty“ oder Forza-BMW’s kommt man sich schon beinahe wie auf einer Automobil-Messe vor. Das man immer noch einen draufsetzen kann sieht man am Stand von „Battlefield 3“: Die Jungs haben doch tatsächlich einen Düsenjet am Start…

Aber konzentrieren wir uns wieder aufs Wesentliche: die Spiele! Bei unserem Streifzug durch die sich rasch füllenden Gänge spricht uns eine psychopatisch-süße Clowndame mit schriller Stimme und breitem Grinsen an: „Wanna play a game?“ Wer kann da schon nein sagen… Das grünhaarige Harley-Quinn-Lookalike gehört zu Gotham City Impostors, einem Ego-Shooter in dem sich Batman- und Joker-Möchtegerns gegenseitig ans Leder wollen. Der Titel erscheint über Xbox Live Arcade und PlayStation Network und bietet neben witzigem Grafikstil jede Menge Optionen um Spielfigur und Arsenal zu modifizieren. Ob das Multiplayer-Spielkonzept auf Dauer motiviert bleibt abzuwarten. Ich persönlich würde das Szenario ja lieber in einer Single-Player-Kampagne ausreizen…

Nach dem knallbunten Joker-Girl entspannen wir unsere Augen in einem kleinen Kino am THQ-Stand und sehen uns eine kurze aber eindrucksvolle Gameplay-Demo von Metro – Last Light an. Der storylastige Ego-Shooter ist sehr stimmig inszeniert und bietet neben Stealth-Einlagen und krachenden Feuergefechten einige wirklich schöne Lichteffekte und eine herrlich klaustrophobische Atmosphäre.

Wenn wir schon bei THQ sind, sehen wir uns im Kino nebenan eine 9-minütige Demo von Darksiders II an. Als „Zelda für Erwachsene“ hat mir der erste Teil wirklich Spaß gemacht. Während man dort noch mit dem apokalyptischen Reiter „Krieg“ zu Felde zog, übernimmt man im zweiten Teil die Rolle von „Tod“. Trotz einiger wirklich schöner Momente sah man dem Spiel seinen Pre-Alpha-Status noch deutlich an. Dennoch sollte man sich den Titel schon mal vormerken.

Nach so viel Zusehen wird es wieder Zeit, selbst Hand anzulegen. Bei Ridge Racer Unbounded (Was für ein Titel!) kann man es mal so richtig krachen lassen. Denn um bei diesem Arcade-Rennspiel abzukürzen fährt man kurzerhand durch Wände, Häuser und Säulen – Vorausgesetzt man hat ausreichend Nitro im Tank. Alten Ridge-Racer-Veteranen fällt bereits nach ein paar Kurven auf, dass die Serie hier völlig neue Wege geht. Das Fahrgefühl ist völlig anders und das actionreichere Gameplay mag Puristen vor den Kopf stoßen. Aber wir hatten beim Anspielen auf jeden Fall Spaß. Nur das Driften wollte nicht so recht klappen. Aber bis zur finalen Version kann man ja noch ein bisschen daran schrauben.

Um unseren Adrenalinspiegel wieder etwas zu senken widmen wir uns der ebenfalls vom Vorjahr bekannten Ausstellung Art of Games. Die hier gezeigten Kunstwerke lassen das Herz eines jeden Spielefans höher schlagen. Ich musste mich schon sehr zusammenreißen, um nicht ein Artwork von Alice – Madness Returns fürs heimische Spielzimmer einzupacken…

Ein paar Meter weiter bot das Retro-Magazin Return ein wahres Mekka für Spiele-Nostalgiker. In mehreren prall gefüllten Schaukästen konnte man Schätze aus vergangenen Tagen bestaunen. Wem das nicht genug war, konnte an den zahlreichen Spiel-Stationen selbst Hand an ein paar echte Klassiker legen: Sonic The Hedgehog, Super Mario Bros., Bubble Bobble, Gianna Sisters, Boulder Dash u.v.m. konnten nicht nur Junggebliebene begeistern, sondern kamen auch bei der jüngeren Generation überraschend gut an. Es muss also doch nicht immer High-End-Grafik und Orchestersound sein.

Die gamescom bietet neben Mainstream-Titeln auch eine breite Palette an Nischen-Titeln. So kriegt zum Beispiel der allseits beliebte Landwirtschafts-Simulator neben einer Platin-Edition auch Konkurrenz mit dem Skiregion-Simulator 2012 oder dem London Underground Simulator. Adventure-Freunde bekommen mit Geheimakte 3 neues Point-And-Klick-Futter. Bei einer Präsentation plauderte unter anderen der Autor aus dem Nähkästchen und versprach für den dritten Teil der Adventureserie Ereignisse, nach denen nichts mehr so ist, wie es war. Na dann… Leider müssen wir uns auf das Spiel noch eine Weile gedulden. Vor 2012 ist mit einem Erscheinen nicht zu rechnen.

Fehlt noch ein Besuch bei den „Großen Drei“: Sony punktete mit freundlichem, weitläufigen Stand-Design. Auf einem künstlichen Palmenstrand konnte an mehreren Stationen nach Herzenslust mit Move-Controllern gezappelt werden. Wer unseren letztjährigen Messebericht gelesen hat weiß, dass ich mit den pastellfarbenen Leuchtknubbeln etwas auf Kriegsfuß stehe. Also schnell an der Schüttel-Fraktion vorbei zu den Spielen, die nicht ganz so viel Körpereinsatz erfordern. Ein großes Thema (zumindest bei Sony) war auch dieses Jahr wieder 3D-Gaming. Nennt mich einen Technik-Dinosaurier, aber ich kann mit dem ganzen 3D-Hype weder im Kino noch auf Konsole und Handheld was anfangen. Abgesehen von der preislichen Komponente und der Tatsache, dass ich es einfach unbequem empfinde mit einer Brille zu spielen, hält sich der spielerische Mehrwert für mich stark in Grenzen. Aber jedem das Seine… Von einer großen Menschentraube umringt wurde bei Sony auch der PSP-Nachfolger PS Vita gezeigt. Sony-typisch ist das Gerät hervorragend verarbeitet und wirkt insgesamt sehr hochwertig. Sprich, der ganze technische Schnick-Schnack wird sich vermutlich in einem entsprechenden Preis wiederspiegeln. Ob hochpreisige Handheld-Hardware sich in Zeiten wie diesen an den Mann bringen lässt bleibt abzuwarten, hängt aber letzten Endes natürlich auch vom Software-Support ab.

Nintendo feierte heuer das 25. Jubiläum der „Legend of Zelda“-Reihe und zeigte schon wie letztes Jahr eine Demo von The Legend of Zelda: Skyward Sword. Der Rest des Stands wurde (neben einigen Wii-Stationen) von 3DS geprägt, der ja kurz vor Messebeginn drastisch im Preis reduziert wurde. Wir spielen eine Runde Kid Icarus: Uprising, haben allerdings unsere Probleme mit der Steuerung. Das Zielen am Touchscreen ist für unseren Geschmack ein wenig zu fummelig. Da geht Starfox 64 3D schon wesentlich besser von der Hand. Das Remake des Klassikers spielt sich flüssig, aber der 3D-Effekt hält sich in Grenzen.

Microsoft hat auch heuer wieder ihre Kinect-Kojen mitgebracht, in denen sich bewegungsfreudige Messebesucher vor Publikum beweisen können. Der Bereich für Core-Games wird von Forza Motosport 4 dominiert, das so von Schaulustigen belagert wird, dass man es schwer hat den Stand überhaupt zu betreten. Ebenfalls vertreten war Age of Empires Online. Die Online-Version des Spieleklassikers sieht wirklich spaßig aus, lässt aber leider eine Single Player-Kampagne vermissen. Das wär doch mal eine Idee für Xbox Live Arcade! Oder, Microsoft?

Die absoluten Schmankerl der Messe haben wir uns natürlich für den Schluss aufgehoben. Da wäre zunächst [Prototype 2], das für die lange Wartezeit mit gelungenem Stand-Design und einer Präsentation mit den Entwicklern entschädigt. Wie bereits im ersten Teil ist die Spielfigur durch einen fiesen Virus mit zerstörerischen Superkräften ausgestattet, mit denen man sich ganz nach Belieben in der frei begehbaren Stadt austoben kann. Der Protagonist des ersten Teils, Alex Mercer, spielt in Teil 2 eher die Rolle des Widersachers und wird von den Entwicklern als „Darth Vader“ des Spiels beschrieben. Obwohl sich der Titel noch in der Alpha-Phase befindet, sieht [Prototype 2] bereits jetzt verdammt gut aus. Vor allem die Lichteffekte wissen zu gefallen und auch das neue Move-Repertoire ist beeindruckend. Die Entwickler versichern uns „Ja, in diesem Spiel kann man einem Hubschrauber einen Kinnhaken geben!“, und treten unmittelbar danach den Beweis an. Wow! Das [Prototype 2] wie auch der Vorgänger kein Kindergeburtstag wird, steht bereits jetzt fest. Man sollte sich also auf eine USK 18-Freigabe einstellen.

Wir wechseln die Warteschlange und dürfen nach ca. 3 Stunden ein 15minütiges Probespiel mit dem Dunklen Ritter wagen. Batman – Arkham City setzt die Geschichte des grandiosen Erstlings fort. In unserer spielbaren Demo schlüpfen wir zunächst in den hautengen Anzug von Catwoman. Mit flinken, akrobatischen Moves und der markanten Peitsche rücken wir ein paar von Two-Faces Schlägern auf die Pelle, bevor wir uns an dessen Safe zu schaffen machen. Nach einem kurzen Szenenwechsel hüpfen wir als Batman über die Hausdächer von Arkham City und kriegen es ebenfalls mit Two-Face zu tun. Nach einem kurzen Handgemenge und einem Gespräch mit Harley Quinn machen wir anschließend Jagd auf den Joker, der sich mit einem Scharfschützengewehr scheinbar auf einem Kirchturm eingenistet hat. Batman – Arkham City sieht wirklich toll aus, bietet eine dichte Atmosphäre und spielt sich hervorragend. Das Spiel ist bereits jetzt an erster Stelle meiner Pflichtkauf-Liste. Da müssen wir uns aber noch bis zum Release im Oktober gedulden…

Apropos Pflichtkauf: In diese Kategorie fällt sicherlich auch Mass Effect 3. Auch wenn sich grafisch nicht sonderlich viel seit Teil 2 getan hat, können wir es kaum erwarten zu erfahren, wie die epische Weltraum-Story rund um Commander Shepard zu Ende geht. Nach einem 5minütigen Trailer, der die Handlung der letzten Spiele zusammenfasst und die Invasion der Erde durch die Reaper zeigt, geht es an die Controller. In unserer Demo-Mission müssen wir mit Liara und Garrus ein Kroganer-Weibchen von angreifenden Cerberus-Soldaten beschützen. Bis zum Release dauert es leider noch eine Weile. Erst im März 2012 dürfen wir wieder an Bord der Normandy durch die Galaxis jagen.

Kehren wir also zurück zur anfänglichen Frage: Warum gamescom? Lohnt es sich wirklich für ein paar Minuten Spielzeit stundenlang anzustehen? Lohnen sich die Anfahrt und die horrenden Hotelpreise um sich ein paar Tage in überfüllten Messehallen herumzudrücken? Trotz müder Beine kann ich diese Frage für mich persönlich nur mit einem klaren „Ja“ beantworten. Für mich ist die gamescom mehr als eine Messe. Für mich ist es eine Gelegenheit, gemeinsam mit 275.000 Menschen ein paar Tage das schönste Hobby der Welt zu feiern. Die ganze Stadt scheint in dieser Zeit unter dem Motto „Videospiele“ zu stehen. Egal ob in der Fußgängerzone, im Kaufhaus, oder im Restaurant – Man kommt mit Gleichgesinnten ins Gespräch, tauscht gemeinsam Erfahrungen oder kleine Anekdoten aus und hat einfach Spaß. Und spätestens dann, wenn ich im Schatten des Kölner Doms eine Tasse Kaffee trinke und mit einem Typen im Super-Mario-Shirt ein wissendes Nicken austausche, sind all die Strapazen und Widrigkeiten vergessen.

Warum gamescom? Darum!